Sir John Retcliffe
und die "Weisen von Zion"

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Sir John Retcliffe`s Roman "Biarritz" war eine Quelle der Verfasser des berüchtigten antisemitischen Pamphlets:
Die Protokolle der Weisen von Zion

Noch zu Beginn der 1860er Jahre ist eine der positiv gezeichneten Hauptfiguren in "Villafranka" der Jude Samuel Mortara. Zu dieser Zeit bemüht sich Retcliffe noch, zwischen den Juden als Repräsentanten des ungehemmt aufblühenden Kapitalismus, der die Grundlagen des preußischen Staats bedrohenden Spekulation und auf der Gegenseite dem "altehrwürdigen" jüdischen Glauben zu differenzieren. In "Magenta und Solferino (3,56)" schreibt er: "Es fällt dem Verfasser nicht im Traume ein, eine Philippica gegen den jüdischen Glauben zu schreiben, er achtet und ehrt den gewaltigen, seit Jahrtausenden den Orkanen der Weltgeschichte trotzenden Bau, und zählt unter seinen Bekennern wahre und geschätzte Freunde."

Die Wirtschaftskrise von 1866, deren Opfer neben den Handwerkern vor allem die preußischen Junker waren, führte dann zu einer Radikalisierung des Retcliffe`schen Antisemitismus. Mit dem Biarritz-Kapitel "Auf dem Judenkirchhof in Prag" brachte Retcliffe eine jüdische Weltverschwörung in sein Werk ein.

Der Judenfriedhof in Prag

[ 1 ]

"... war mit der Herauslösung des Friedhofkapitels aus dem Gesamtgefüge des Retcliffe-Werkes das entscheidende Mißverständnis schon vorbereitet: Retcliffe hatte die Ausführungen der jüdischen Oberen absichtlich so grundsätzlich abgefaßt, daß sie in zurückliegenden wie in späteren Bänden seines Werks jede jüdische Aktivität als Ausfluß einer planmäßigen Lenkung erscheinen ließen. Wird das Friedhofkapitel nun in der beschriebenen Weise vom übrigen Werk getrennt, so wird es aus einem auf Retcliffes Welt bezogenen Erzählsymbol zu einer - wenn auch fiktional eingekleideten - Aussage über die Wirklichkeit selbst. Hatten die Leser des Romans auf die Verwirklichung der jüdischen Pläne in Retcliffes Werk geachtet, so suchen die Leser des isolierten Kapitels nun nach ihren Spuren in der Wirklichkeit.
Es war nur konsequent, daß als nächster Schritt die jüdischen Pläne ihrer romanhaften Einkleidung beraubt und als reales Dokument ausgegeben wurden. Aus dem Friedhof-Kapitel wurde die angeblich echte Rede eines wirklichen Rabbiners vor einem jüdischen Kongreß, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts unter unterschiedlicher Datierung und in verschiedenen Versionen umlief. Aus zwölf bzw. elf Sprechern wurde einer - fast alles andere ist wörtlich aus »Biarritz« übernommen. Das Friedhof-Kapitel wie die »Rede eines Rabbiners« bilden dann zusammen die Grundlagen einer aktualisierten Version, die die jüdischen Welteroberungspläne mit dem Baseler Zionistenkongreß von 1897 in Verbindung brachte, der »Protokolle der Weisen von Zions«.
...
Zahllose Broschüren erscheinen, die den »Judenfriedhof in Prag« in "Volks- und Schulausgaben" einem breiten Publikum zugänglich machen und in hohen Auflagen bis zum Ende des Dritten Reiches verbreitet sind. ..."


Es folgen Textauszüge einiger Web-Seiten, die einen Bezug zu Sir John Retcliffe herstellen:

[ 2 ]

... Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, wie aus Dichtung Dokumente werden, bietet (worauf auch Eco wiederholt verweist) der 1868 unter dem Pseudonym Sir John Retcliffe veröffentlichte Roman "Biarritz" von Hermann Goedsche, dessen Kapitel "Auf dem Judenkirchhof in Prag" in der Folgezeit immer wieder separat veröffentlicht, bearbeitet und in mehrere Sprachen übersetzt, schließlich unter dem Titel "Die Rede des Rabbiners" als authentisches Dokument einer jüdischen Weltverschwörung angesehen und zu einer der Vorlagen fur die "Protokolle" wurde
...

[ 3 ]

Geheime Rede des Rabbiners belege angebliche jüdische Weltverschwörung.

Revisionisten behaupten:
"Aus dem Text der geheimen 'Rede des Rabbiners' geht eindeutig hervor, dass die Juden durch verschwörerisches Wirken die ganze Welt beherrschen wollen."

Historische Wahrheit:
Bei der sogenannten "Rede des Rabbiners" handelt es sich um eine umgeschriebenen Episode aus einem Kolportageroman des 19. Jahrhunderts. Einer der zeitgeschichtlichen Sensationsromane des Schriftstellers Hermann Goedsche, das 1868 erstmals unter dem Pseudonym "John Retcliffe" erschienene Buch "Biarritz", enthielt ein Kapitel mit dem Titel "Auf dem Judenfriedhof in Prag". Darin wird eine geheime nächtliche Versammlung geschildert, in deren Verlauf sich zwei versteckten Beobachtern die Existenz eines jahrhundertelang existierenden teuflischen jüdischen Komplotts offenbart. Antisemiten in zahlreichen Ländern verbreiteten dieses Kapitel als Broschüre oder Flugschrift. Zunächst stellte man es noch als ein Stück Literatur dar, das auf wirklichen Ereignissen beruhe. Später fassten antisemitische Autoren die darin enthaltenen angeblichen Reden verschiedener Vertreter jüdischer Stämme zu der Rede eines "Großrabbiners" zusammen und gaben das Ganze als authentisches Dokument aus. Tatsächlich handelte es sich aber nur um eine literarische Erfindung.

[ 4 ]

Seit 1850 benutzte die extreme Rechte in Deutschland die Weltverschwörungstheorie als Waffe im Kampf gegen die wachsenden Kräfte des Liberalismus, Säkularismus und der Demokratie. Um 1860 schrieb ein gewisser Hermann Goedsche unter dem Pseudonym Sir John Retcliffe den Sensationsroman "Biarritz". Goedsche war wegen Betrugs aus dem Postdienst geflogen und hatte sich danach als Redakteur der ultrakonservativen "Kreuzzeitung" verdingt. Daneben schrieb er Kolportageromane. "Biarritz" enthält ein Kapitel "Auf dem Judenfriedhof in Prag." Dieses Stück krasser Schauerromantik gilt als eines der wichtigsten Vorbilder der "Protokolle". Geschildert wird eine geheime nächtliche Versammlung zum Laubhüttenfest auf dem Prager Judenfriedhof beim Grab des Rabbi Simeon ben Jehuda. Die Vertreter der zwölf Stämme Israels plus ein Vertreter der "Verstoßenen und Wandernden" legen einen Rechenschaftsbericht über ihre Aktivitäten zum Schaden der Nichtjuden ab und machen Vorschläge, wie man dem ersehnten Ziel der Weltbeherrschung näher kommen könnte: durch Börsenspekulation, Erringung von Monopolen, Okkupation von hohen Staatsämtern, Kirchenkampf. Pressediktatur, Hurerei mit Christinnen etc. Die Schlussszene bilden ein Geheimhaltungsschwur und der Tanz um das Goldene Kalb, das plötzlich gespenstisch über dem Grabstein erschienen ist. Zum Glück haben zwei aufrechte deutsche Männer die Szene belauscht und schwören einander, das teuflische Komplott zu bekämpfen.
Bald verwandelte sich die Romanepisode in ein angebliches Dokument. 1887 nahm Theodor Fritsch, der "Nestor des deutschen Antisemitismus", den Text in seinen "Antisemitisten-Catechismus" auf.
Hier waren alle einschlägigen Phantastereien aus Deutschland, Russland und Frankreich versammelt. Das Buch wurde sehr populär. Es wurde erweitert, zum "Handbuch der Judenfrage" befördert und erreichte 1933 eine Auflage von 100.000 Stück. In den folgenden Jahren wurden noch weit mehr Exemplare verkauft, denn im 3. Reich gehörten das Handbuch und die "Protokolle" zum obligatorischen Lehrmaterial für den Schulunterricht.

[ 5 ]

... Der deutsche antisemitische Autor Herrmann Goedsche muß dieses Buch gekannt haben. 1868 veröffentlichte er unter seinem Pseudonym ``Sir John Retcliffe'' den Roman ``Biarritz'', in dem über 160 Stellen direkt bei Maurice Joly abgeschrieben sind. Goedsche hatte Zugang zum preußischen Hof und gilt Literaturwissenschaftlern als Anhänger Bismarcks und der Monarchie.
Der Titel seines Romans weist auf die Stadt Biarritz, die häufig von Bismarck und Napoleon III. besucht wurde. Beide standen für Goedsche im Rang von Helden, die die altehrwürdige Ordnung gegen die Angriffe des modernen Liberalismus und seiner Gleichmacherei verteidigten. Waren es bei Joly noch zwei sich streitende Kontrahenten, die in einer Satire die Diktatur entlarven sollten, werden bei Goedsche zwölf jüdische Stammväter daraus, die sich in wesentlichen Fragen einig sind. Er vermischt die fiktiven Aussagen von Montesquieu und Machiavelli, wobei die Aussagen Machiavellis einen noch größeren Stellenwert bekommen, als im Original bei Maurice Joly. Diese eigentümliche Mischung von politisch konträren Ansichten stellt für sich gesehen einen interessanten Mechanismus dar. Diese Mischung erlaubte z. B. den Nationalsozialisten, die Juden für den Kapitalismus genauso verantwortlich zu machen wie für die Oktoberrevolution 1917 in Rußland.

Obwohl all dies spätestens seit den 20er Jahren bekannt ist, werden die Protokolle bis heute aufgelegt und verbreitet. In den USA paradoxerweise vom Ku Klux Klan und der Sekte ``Black Muslims'' (!). Auch deutsche Autoren wie Jan van Helsing oder Rüggeberg greifen tief in die altbekannte Kiste des Judenhasses, um ihre Auflagen zu steigern.


Literaturhinweise:

Hadassa Ben-Itto:
»Die Protokolle der Weisen von Zion« Anatomie einer Fälschung. Aus dem Englischen von Helmut Ettinger und Juliane Lochner.- Berlin: Aufbau-Verlag. 1998.

... Die »Protokolle« werden in Ben-Ittos Buch nämlich keineswegs zum erstenmal als das entlarvt, was sie sind: ein antisemitisches Machwerk, pikanterweise noch dazu ein Plagiat, von der zaristischen Geheimpolizei Ochrana in Auftrag gegeben und von deren Pariser Agenten auf der Basis einer gegen Napoleon III. geschriebenen Aufklärungsschrift verfertigt. Hinzugetan haben die Fälscher neben allerlei eigenem Gift auch eine „Rede des Rabbi", die auf ein Kapitel aus dem zwölfbändigen Roman „Biarritz" von Sir John Retcliffe zurückgeht. Hinter diesem klingenden Pseudonym verbarg sich der schlesische Postbeamte und spätere Chefredakteur der „Kreuzzeitung" Hermann Goedsche (1816-1878)

Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlagen des modernen Antisemitismus - eine Fälschung.
Text und Kommentar Hg. von Jeffrey L. Sammons.- Göttingen: Wallstein. 1998.

»Die Protokolle der Weisen von Zion« sind seit ihrem Erscheinen in Rußland das am weitesten verbreitete, zählebigste Dokument des modernen internationalen Antisemitismus geblieben. Angeblich der Text von 24 geheimen Vorträgen über den jüdischen Plan, zur Weltherrschaft zu gelangen, sind die »Protokolle« fast seit der ersten Stunde als lächerliche Fälschung entlarvt worden; trotzdem tauchen sie immer wieder in verschiedenen Sprachen bis zum heutigen Tag erneut auf. Besonders verhängnisvoll wurde die in dieser Ausgabe wiedergegebene, kurz nach dem Ersten Weltkrieg erschienene deutschsprachige Version, da sie das Imprimatur der NSDAP erlangte und zu einer Grundlage der judenfeindlichen Propaganda wurde. In der Einleitung wird darüber berichtet, wie die Protokolle aus fiktiven deutschen und französischen Texten des 19. Jahrhunderts zusammengestellt wurden, wo und zu welchem Zweck, soweit es sich rekonstruieren läßt, sie entstanden sind und auf welchen Wegen sie als Fälschung entlarvt werden konnten. Anmerkungen erklären u. a. heute nicht mehr ohne weiteres verständliche politische und zeitgeschichtliche Anspielungen aus der Zeit ihres Entstehens um die Jahrhundertwende. Zweck der Veröffentlichung ist es, die Kenntnis dieses Phänomens zu fördern, damit es in seinen unzähligen Variationen wiedererkannt werden kann, um die Wirkungen dieses schriftlichen Verbrechens gegen die Menschheit abzuwehren.


Anmerkungen:

[ 1 ]
Volker Neuhaus:
Der zeitgeschichtliche Sensationsroman in Deutschland 1855-1878. ´Sir John Retcliffe` und seine Schule.- Berlin: Erich Schmidt Verlag. 1980.

[ 2 ]
Sergej Nilus und die "Protokolle der Weisen von Zion" Überlegungen zur Forschungslage
von Michael Hagemeister
http://www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt/agr269s.htm

[ 3 ]
Revisionistische Behauptungen und historische Wahrheit.
Zur Kritik rechtsextremistischer Geschichtslegenden
von Armin Pfahl-Traughber
http://www.hlz.hessen.de/texte/revisionismus_rechtfertigung.html

[ 4 ]
http://www.antifa.co.at/antifa/ZION.PDF

[ 5 ]
Von Günter Mergel und Michael Enderlein
http://www.asta.tu-darmstadt.de/Referate/Zoon/zoon02/zion.html